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Hermann-Otto-Ernst Rowoldt

1883 – 1963 | Mein Opa väterlicherseits.

Ein Leben zwischen Schiffsplanken, Gestapo-Haft und deutscher Bürokratie. Hermann war Steward (Schiffskellner) – ein Mann, der die Welt gesehen hatte und sich den Mund nicht verbieten ließ. In seiner Todesanzeige stand: "Träger des roten Adlerordens". Leider konnte ich nicht mehr herausfinden wofür ihm diese Auszteichnung mal verliehen worden ist.

Familie und Herkunft

Hermann-Otto-Ernst Rowoldt wurde am 27. April 1883 in Hamburg geboren. Sein Vater, Paul Hermann Rowoldt, war Lokomotivführer. Am 28. Juni 1913 heiratete er in Osterrode Charlotte Luise Meyer (geb. 1892 in Charlottenburg). Gemeinsam hatten sie 6 Kinder.

Berufsleben

Hermann arbeitete als Steward auf Schiffen und hatte durch seine Seefahrt ausgezeichnete Englischkenntnisse. Er besaß zeitweise einen Tabakladen in England. Später führte er mit seiner Frau Charlotte einen Blumenladen und arbeitete auch in einer Kneipe auf dem Hamburger Kiez (vermutlich Hafenstraße). Nach dem Tod seines Bruders sollte er den väterlichen Hof in Grönwohld (ca. 5 ha) übernehmen und wurde Landwirt. Nach dem Krieg versuchte er sich mit einem Gewerbeschein für Handel mit Fisch- und Räucherwaren, um seine Familie durchzubringen.

Der Preis des Widerstands

Opa war kein stiller Mitläufer. Er wurde mehrfach denunziert, weil er englische Sender abhörte und das aussprach, was andere nur dachten: Dass Hitler besessen sei und die Führung bei Kriegsende fliehen würde. Seine Haltung war kompromisslos:

"Wenn der Zusammenbruch käme, würde er Tag und Nacht mit dem Revolver herumlaufen und die Nazis erschießen."

Konkrete Widerstandshandlungen

Die Verhaftungen

Die Konsequenzen waren hart. Er wurde zweimal von der Gestapo verhaftet:

Ein stiller Held: Polizeimeister Carstensen

In den Akten findet sich eine unglaubliche Geschichte über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. Der Bargfelder Polizeimeister Carstensen hätte Opa eigentlich viel früher festnehmen müssen, entschied sich aber, wegzuschauen und ihn nur zu verwarnen. 1950 schrieb der Polizist rückblickend:

"Ich habe den Gastwirt Staffer und Rowoldt nur verwarnt. [...] Ich freue mich jetzt selbst, dass ich so gehandelt habe, denn sonst wäre ich heute nicht in Amt und Würden gewesen. [...] Rowoldt war mir als Antifaschist bekannt [...] Ich habe es eben nicht gehört und gesehen."

Ein Polizist, der aus Anstand wegschaute und damit vermutlich Opas Leben rettete.

Die Jahre des Vergessens: 1945–1963

Der Kampf um Anerkennung (1945–1948)

Nach Kriegsende musste Hermann drei Jahre kämpfen, bis er am 14. Dezember 1948 offiziell als politisch Verfolgter anerkannt wurde (Kreis-Sonderhilfsausschuss Stormarn, Ausgabenummer 222). Er erhielt einen rosafarbigen Schwergeschädigtenausweis.

Die Wohnungs-Odyssee

Die bittere Ironie: Hermann überlebte die Nazis, nur um danach jahrelang zwischen Gemeinden hin- und hergeschoben zu werden:

In einem verzweifelten Versuch, eine Wohnung zu bekommen, versuchte er 1954, über den WG-Schein (Wiedergutmachung) eine Eigentumswohnung zu erwerben. Die Ämter verlangten Nachweise, dass er durch politische Verfolgung seine Wohnung verloren hatte – ein Beweis, der schwer zu führen war.

Die Renten-Odyssee: "Nur 30% durch Verfolgung"

Der zynischste Teil seiner Geschichte: Zehn Jahre Kampf um eine angemessene Rente.

Die Begründung des Obergutachters (1949):

"Die vom Vertrauensarzt vorgeschlagene Erwerbsminderung durch Verfolgung von 75% kann ich nicht bestätigen, da die 6½-monatige Inhaftierung im Jahre 1939/40 mit dem heutigen Zustandsbild des 65-jährigen Patienten nicht ausschließlich in ursächlichem Zusammenhang gebracht werden kann."

Diagnosen: Herzschwäche, Emphysem (Lungenerkrankung), Gallenleiden, Magenbeschwerden
Anerkannt als Verfolgungsschaden: Nur 30%
Als "sonstige Körperschäden" abgetan: 50%

Finanzielle Demütigungen

Gesundheitliche Folgen

Die Haftzeit hinterließ bleibende Schäden. Hermann litt an:

Trotz dieser eindeutigen Diagnosen erkannte der Obergutachter nur 30% als Folge der politischen Verfolgung an. Der Rest wurde als "Altersbeschwerden" abgetan.

Die unerklärliche Gabe: Familienlegenden

In der Familie wurde Hermann eine besondere Begabung nachgesagt – eine Art Vorahnung oder "zweites Gesicht". Mehrere Anekdoten aus der Verwandtschaft ranken sich um seine prophetischen Äußerungen:

Der brennende Bruder

Hermann bat seinen Bruder um Geld – der lehnte ab. Daraufhin sagte Opa: "Du wirst demnächst nachts aus deinem brennenden Haus laufen."

Ein paar Tage später fielen Bomben auf die Hagenstraße in Hamburg. Der Bruder floh tatsächlich nachts im Bademantel aus seinem brennenden Haus.

Der letzte Dom

Kurz vor Kriegsausbruch 1939 sagte Hermann zu seinen Kindern: "Wir gehen jetzt auf den Dom und verprassen da unser Geld – ist eh der letzte Dom."

Es war tatsächlich der letzte Hamburger Dom vor dem Krieg. Jahrelang fand die Veranstaltung nicht mehr statt.

Die Hochzeit seiner Tochter

Zu seiner Tochter (meiner Mutter) soll er bereits gesagt haben, als sie noch ein kleines Kind war: "Du wirst später diesen Mann heiraten" – und meinte damit meinen Vater.

Sie heiratete ihn tatsächlich.

Ob Zufall, scharfe Beobachtungsgabe oder tatsächlich eine unerklärliche Intuition – diese Geschichten gehören zum Familienmythos um Hermann Rowoldt. Ein Mann, der nicht nur politisch hellsichtig war, sondern dem auch eine mysteriöse Weitsicht nachgesagt wurde.

Fazit: Ein vergessener Held

Hermann-Otto-Ernst Rowoldt war kein lauter Widerstandskämpfer, aber ein stiller Rebell, der sich nicht den Mund verbieten ließ. Er überlebte Gestapo-Haft und Nazi-Terror – nur um in der Nachkriegszeit von genau jenen Behörden im Stich gelassen zu werden, die ihn hätten ehren müssen.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht schweigen konnte, als es gefährlich war – und der vergessen wurde, als es vorbei war.

Hermann Otto Ernst Rowoldt


Quellen: